Editio Domini · MMXXVI

Trachten

Magazin für Bayerische Volksmusik, Tracht und Brauchtum


← Magazin 28. Mai 2026
Wiesn · No. I

216 Jahre Münchner Oktoberfest: Vom Hochzeitsfest zur Wiesn-Liturgie

Seit dem 17. Oktober 1810 trägt die Theresienwiese ein Fest, dessen Choreographie zwischen Schottenhamel-Anstich, Bierstammwürze und Festzelt-Ordnung erstaunlich konstant geblieben ist.

Das Münchner Oktoberfest blickt im Herbst 2026 auf 216 Jahrgänge zurück. Den Auftakt setzte am 17. Oktober 1810 das Pferderennen zu Ehren der Hochzeit von Kronprinz Ludwig – dem späteren König Ludwig I. – und Therese von Sachsen-Hildburghausen. Die nach der Braut benannte Theresienwiese wurde damit zum festen Schauplatz; aus dem höfischen Anlass entwickelte sich binnen weniger Jahrzehnte ein bürgerlich-städtisches Volksfest, dessen Termin sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts vom Oktober in den wärmeren Spätsommer verschob. Heute öffnet die Wiesn jährlich Mitte September und endet am ersten Oktoberwochenende.

Vom Pferderennen zur Großveranstaltung

Die Besucherzahl liegt seit den 2010er-Jahren stabil bei etwa sechs Millionen pro Jahrgang. Eine Zäsur markierte die pandemiebedingte Absage 2020 und 2021; mit der Wiederaufnahme 2022 kehrte das Format ohne strukturelle Veränderungen zurück. Die Zeltlandschaft ist auf vierzehn große Festzelte konzentriert: Schottenhamel, Augustiner, Hofbräu, Käfer Wiesn-Schänke, Hacker-Pschorr, Löwenbräu, Paulaner, Schützenfestzelt, Marstall, Ochsenbraterei, Armbrustschützenzelt, Fischer-Vroni, Bräurosl und die Pschorr-Bräu Festhalle. Die Trinkkapazitäten reichen je nach Zelt von etwa 6.000 bis 10.000 Plätzen, die kleineren Schänken nicht eingerechnet.

Der Anstich als zentrale Liturgie

Die Eröffnung am ersten Wiesn-Samstag im Schottenhamel-Zelt ist seit 1903 als ritualisierter Akt überliefert. Damals zapfte Wirt Hans Steyrer das erste Fass an; aus dem handwerklichen Vorgang wurde im Lauf des 20. Jahrhunderts eine politische Repräsentationshandlung. Seit 1950 vollzieht der amtierende Oberbürgermeister der Landeshauptstadt München den Anstich und ruft im Anschluss „O’zapft is” über das Festgelände. Die Zahl der nötigen Schläge mit dem hölzernen Schlegel hat sich zum Wettanker etabliert: Werner Hoyer benötigte 1995 lediglich zwei Schläge, Christian Ude wiederholte diesen Bestwert 2010. Mehr als die statistische Größe ist die Symbolik entscheidend – ein flüssiger Anstich gilt als Indikator handwerklicher Souveränität, ein langer Anstich entsprechend als Anlass milden Spotts.

Die Stammwürze-Vereinbarung der Münchner Brauereien

Eine Eigenheit, die das Wiesn-Bier vom Alltagshellen unterscheidet, ist die Stammwürze. Die sechs alteingesessenen Münchner Brauereien – Augustiner, Hacker-Pschorr, Hofbräu, Löwenbräu, Paulaner und Spaten – brauen für das Oktoberfest ein eigens vereinbartes Festbier mit einer Stammwürze von etwa 13,5 °P und einem Alkoholgehalt um 5,9 Volumenprozent. Diese Vereinbarung ist nicht gesetzlich kodifiziert, sondern eine zwischen den Häusern fortgeschriebene Branchenpraxis, die das Festbier als Kategorie zwischen klassischem Hellen und Märzen positioniert. Nur Brauereien innerhalb der Münchner Stadtgrenzen dürfen ihr Bier auf der Wiesn ausschenken – eine Festschreibung, die den Charakter als städtisches Fest schützt und zugleich die Wirtschaftsgeschichte der Münchner Brauindustrie eng mit dem Festkalender verschränkt.

Trachtenumzug und Trachtenwiesn

Neben dem Anstich ist der Trachten- und Schützenzug am ersten Wiesn-Sonntag der zweite große Verankerungspunkt. In der heute praktizierten Form geht er auf das Jubiläumsjahr 1835 zurück, als Trachtenvereine aus ganz Bayern erstmals geschlossen durch München zogen, um das fünfundzwanzigjährige Bestehen der Königsehe zu würdigen. Seit 1950 wird der Zug in jährlicher Folge durchgeführt und zieht je nach Wetterlage zwischen 8.000 und 9.000 Teilnehmende sowie mehrere hunderttausend Zuschauende an die Straßen der Münchner Innenstadt. Die Vereine des Bayerischen Trachtenverbands mit dem in der Tegernsee-Gegend ansässigen Gauverband I bilden dabei eine tragende Säule.

Was die Wiesn an Beständigkeit zeigt

Über zwei Jahrhunderte hinweg hat sich das Oktoberfest weniger durch Bruch als durch Schichtung entwickelt. Der höfische Ursprung blieb in der Namensgebung der Theresienwiese präsent; die bürgerliche Aneignung des 19. Jahrhunderts verfestigte sich im Trachtenzug; die Industrialisierung der Brauereien stabilisierte sich in der Stammwürze-Vereinbarung; die mediale Verstärkung des 20. Jahrhunderts ritualisierte den Anstich. Wer das Fest heute betritt, bewegt sich in einer Komposition, deren Einzelteile aus unterschiedlichen Jahrzehnten stammen und gerade in ihrer Schichtung Bestand haben.


Ressort: Wiesn