Editio Domini · MMXXVI

Trachten

Magazin für Bayerische Volksmusik, Tracht und Brauchtum


← Magazin 30. Mai 2026
Modern · No. I

„Hiatamadl" 1992: Wie Hubert von Goisern die Alpine Volksmusik öffnete

Mit dem Album „Aufgeigen statt niederschiassen" verband Hubert Achleitner 1992 Volksmusik und Rock – und ebnete den Weg für Haindling, La Brass Banda und Voxxclub.

Als das Album „Aufgeigen statt niederschiassen” im Frühjahr 1992 erschien, war die Volksmusik im deutschsprachigen Raum medial fest in den Sonntagnachmittags-Sendungen verankert. Hubert von Goisern – bürgerlich Hubert Achleitner, geboren am 17. November 1952 in Bad Goisern am Hallstättersee – schob mit der Single „Hiatamadl” einen Keil in diese Routine. Steirische Harmonika, ein zupackender Rockgroove und ein im Dialekt vorgetragener Werbetext um ein „Hiatamadl” trafen auf ein Publikum, das die Alpine Volksmusik bis dahin als geschlossenes Genre verstanden hatte. Der Erfolg fiel deutlich aus: „Hiatamadl” hielt sich monatelang in den Charts der DACH-Region und wurde in der Rückschau zum Wendepunkt einer Bewegung, die später als Moderne Alpine Volksmusik firmierte.

Der musikalische Eingriff

Was „Hiatamadl” hörbar machte, war die Erkenntnis, dass die Alpine Volksmusik in ihren rhythmischen und harmonischen Strukturen anschlussfähig an populäre Genres ist. Goiserns Bearbeitung verzichtet auf orchestrale Glättung und behält das raue Klangbild der Harmonika; gleichzeitig öffnet sie das Stück über E-Bass, Schlagzeug und E-Gitarre einer Hörgewohnheit, die mit Rock und Folk vertraut ist. Der Dialekttext – ein traditionelles Werberlied – wird weder museal aufbereitet noch ironisch gebrochen, sondern ernst genommen. Diese Haltung unterschied das Projekt von der parallel laufenden „volkstümlichen Schlagermusik”, die andere Konventionen bediente.

Biographische Vorbedingungen

Goisern war in der Volksmusik seines Heimatorts aufgewachsen, hatte aber als junger Erwachsener in Südafrika und Kanada gelebt und dort mit Jazz- und Rockmustern gearbeitet. Diese außerheimische Phase ist für die Werkbiografie zentral: Sie verschaffte ihm den Abstand, die regionale Tradition als Material zu sehen, ohne ihr verpflichtet zu sein, und gleichzeitig die handwerkliche Vertrautheit, sie nicht als Klangzitat zu missbrauchen. Mit der Original Alpinkatzen, der von ihm Ende der 1980er-Jahre formierten Band, fand er die Besetzung, die das Konzept von „Aufgeigen statt niederschiassen” trug.

Die Welle nach 1992

Der Erfolg von „Hiatamadl” eröffnete einen Raum, in den sich verwandte Projekte einschreiben konnten. Haindling, das Projekt um den Niederbayer Hans-Jürgen Buchner, war zwar bereits seit 1982 aktiv und hatte 1984 mit „Lang scho nimma g’sehn” einen ersten überregionalen Aufmerksamkeitsmoment, fand aber in den 1990er-Jahren ein erweitertes Publikum, das bereit war, dialektale Texte und ländlich gefärbte Klangbilder ernst zu nehmen. Die Bewegung weitete sich in den 2000er-Jahren aus.

La Brass Banda und Voxxclub als zweite Generation

2007 gründete sich in Übersee am Chiemsee La Brass Banda um den Trompeter und Sänger Stefan Dettl. Die Band übertrug die Goiser’sche Logik – ländliches Material plus populärer Energieträger – auf Brass-Instrumentierung und entwickelte eine Konzertpraxis, die zwischen Blaskapelle, Ska und Punk oszilliert. Dialekttexte, das Tragen kurzer Lederhose auf der Bühne und ein bewusst nicht-folkloristisches Auftreten kennzeichnen die Inszenierung. Voxxclub, 2008 in München gegründet, übersetzte die Idee in eine A-cappella-Form: Fünf Stimmen, keine Instrumente, eine Repertoire-Mischung aus alpenländischen Liedern, eigenen Stücken und Pop-Bearbeitungen. Beide Projekte zeigen, dass die 1992 angestoßene Öffnung mehrere Generationen trägt.

Was nach 34 Jahren bleibt

Goisern selbst hat sich von der Pop-Logik mehrfach gelöst: Mit der „Linz Europa Tour” 2007–2009 verlegte er sein Konzept auf ein Donau-Schiff und bespielte den Fluss von Linz bis zum Schwarzen Meer; spätere Alben wenden sich der Liedform und der weltmusikalischen Kollaboration zu. Die Wirkung von „Hiatamadl” liegt damit weniger im einzelnen Song als in der Demonstration, dass Alpine Volksmusik kein abgeschlossenes Genre, sondern ein Materialfeld ist. Wer heute in Bayern, Tirol, Salzburg oder Oberösterreich Volksmusik mit zeitgenössischem Anspruch hört, bewegt sich in einem Raum, dessen Türen 1992 geöffnet wurden – und der seither nicht wieder geschlossen worden ist.

Eine Bewegung, kein Trend

Die Beständigkeit der Bewegung über mehr als drei Jahrzehnte unterscheidet sie von einer Modewelle. Sie hat Vereinsstrukturen erreicht – etwa die Volksmusik-Akademien in Freyung und Trostberg, an denen ländliches Repertoire methodisch unterrichtet wird – und sie hat das Sendeprofil von BR Heimat und Radio Tirol mitbestimmt. Was 1992 als einzelner Pop-Hit erschien, ist heute eine kulturelle Infrastruktur.


Ressort: Modern